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Beitrag Jutta Fischer, Kunsthistorikerin

 

Grafenecker Brief Nr.11/2016

Kunstprojekt „Grafeneck 10654“ von Jochen Meyder

An der Glaswand im Eingangsbereich des Dokumentationszentrums stapeln sich zahlreiche knapp zwanzig Zentimeter große Terrakottafiguren. Liegend in Metallregalen übereinandergeschichtet nehmen sie die gesamte Raumhöhe ein und verhindern den Einfall des Tageslichtes ins Innere des Gebäudes. Die Dunkelheit und der Schatten welche durch die große Anzahl der Figuren entstehen, versinnbildlichen das unermessliche Leid und das Unrecht, welches 10654 Menschen widerfahren ist, die 1940 in der Gaskammer Grafeneck ermordet wurden. Die kühlen, metallenen Industrieregale lassen Assoziationen aufkommen an die unmenschliche Kälte der Tötungsmaschinerie, die in Grafeneck begann und einen Weg über Hadamar bis Auschwitz nahm.

Der Dottinger Künstler Jochen Meyder, beheimatet in unmittelbarer Umgebung der heutigen Gedenkstätte Grafeneck beschäftigt sich bereits seit geraumer Zeit mit den menschenunwürdigen Geschehnissen, die dort vor sechsundsiebzig Jahren stattfanden. Jede einzelne Figur individuell gestaltend, möchte er im Laufe der Jahre 10654 Figuren geschaffen haben. Jede Figur steht dabei für ein individuelles Schicksal, eine eigene Lebensgeschichte. Betrachtet man die Figuren für sich, so strahlen sie in ihrer Nacktheit, in der liegenden ruhigen Haltung Würde aus. In ihrer Blöße sind sie reduziert auf das elementar Menschliche, das was jedem eigen ist, was alle Menschen miteinander verbindet. Durch die mitunter nur skizzenhaft angedeuteten Gesichter werden die Figuren darüber hinaus zu Projektionsflächen für die Betrachter1. Die Offenheit der Gestaltung gibt dem Erkennen Raum, nur Angedeutetes wird mit im visuellen Gedächtnis abgespeicherten Bildern in Verbindung gebracht, und ein ureigenes Bild der jeweiligen Figur kann sich im Blick des Gegenübers entwickeln. Sind die Figuren, durch ihr menschlich anmutendes Äußeres nun dafür prädestiniert, dass die Betrachter darin sich selbst oder ein imaginäres Gegenüber zu erkennen vermögen, so bewahren sie zugleich eine besondere Distanziertheit. Die unbewegte Haltung ohne Pose, die am Körper anliegenden Arme sowie die frontale Ausrichtung lassen die Figuren entrückt erscheinen. Die frontale Darstellung der Figur, in der Kunstgeschichte lange Zeit heiligen Personen vorbehalten, lässt an zu verehrende Prozessionsfiguren oder figürliche Gottheiten der Volkskunst denken, die für den rituellen Gebrauch bestimmt sind. Ein bemerkenswertes Detail rückt die Einzelplastiken darüberhinaus in die Nähe christlicher Vorstellungswelten. Ihre Beine und Füße sind übergekreuzt, womit unmittelbar Parallelen zum gekreuzigten Christus aufgerufen werden und der Gedanke des Menschenopfers in den Vordergrund rückt. In der vielschichtigen und ambivalenten Bedeutung der Figuren kommen so Aspekte zum Tragen, die die Themen Tod, Opfer, Heiligkeit, Erinnerung und Würde umkreisen. Wird nun durch die händische Fertigung jeder einzelnen Figur sowie die durch den Brand teils unterschiedliche Oberflächenfarbe das Individuelle betont, stand am Anfang der Beschäftiung mit dieser Thematik jedoch die Frage nach der unermesslichen Zahl der Ermordeten. Jochen Meyder wollte das Ausmass des Verbrechens auch durch das Sichtbarmachen der Anzahl ermordeter Personen erfahrbar und realisierbar machen.

Ein erster Versuch, die Zahl der Opfer begreifbar zu machen, geschah mit einem Stempel, den Jochen Meyder in einer Grundschule nahe Grafeneck fand. Ein Stempel mit hundert Punkten, zehn mal zehn in einer Reihe. Ein Utensil, mithilfe dessen Schüler ein Verständnis für Zahlenmengen erlangen sollten.

Der Gedanke, dass im Jahr 1940 Kinder eine Vorstellung von Zahlen entwickelten, während in unmittelbarer Nähe eine unbegreifliche Zahl von Menschen ermordet wurde, ließ den Künstler nicht los. Im Folgenden entstanden Papierarbeiten mit Stempelpunkten, die jene Zahl 10654 begreiflich machen sollten. Bestempelte Blätter wurden übereinandergetürmt. Mal mit hundert, mal mit zwanzig Punkten, mal mit einem Punkt pro Blatt. Die Papiertürme wurden immer höher. Das zahlenmäßige Ausmaß des Mordens wurde so schrittweise erfahrbar. Den Punkt als Zeichen empfand Jochen Meyder aber schließlich als zu abstrakt. Den Einzelschicksalen, den Personen, die sich dahinter verbargen, sollte sich in der künstlerischen Arbeit angenähert werden, weshalb schließlich 2013 die ersten figürlichen Kleinplastiken entstanden. 2

Beeindruckend an diesem Projekt ist zudem die lange Entstehungsdauer der Arbeit. Seit drei Jahren arbeitet Jochen Meyder an den Figuren. Sie werden geformt, gebrannt – wenn alles gut läuft, entstehen an einem Tag vier bis fünf Figuren.

Die erste öffentliche Vorstellung des Projektes fand am 18. Januar 2015 statt. Damals waren 2000 Figuren modelliert und füllten, am Boden liegend, die Reutlinger Galerie Pupille.

Seit dem 6. Dezember 2015 sind die Terrakotten im Dokumentationszentrum Grafeneck zu sehen.

Am 18. September 2016 beginnt nun die zweite Phase des Projekts. Zu diesem Zeitpunkt sind rund die Hälfte der Figuren fertiggestellt und die Fehlenden als Ton-Torsi bereits vorhanden, was noch mindestens drei weitere Jahre gestalterisches Tun an den Plastiken mit sich bringt. Durch diese ausdauernde und permanente Beschäftigung mit dem Thema ist der Künstler selbst authentisches Beispiel für eine Erinnerungskultur, die im Zeichen des Nicht-Vergessens steht, der diskursiven Auseinandersetzung mit diesem dunklen Kapitel der Geschichte. „Es geht nicht darum, möglichst viele Figuren in kurzer Zeit zu schaffen. Ich möchte beim Modellieren ganz bei der Figur sein, möchte dem Geschehenen nachsinnen.“3

Nun geht es aber in diesem Projekt nicht allein um ein sichtbares Denkmal, das in Augenschein genommen werden und auf diese Weise Erinnerungen, Gespräche, Nachdenken und zukünftiges wachsames Handeln auslösen soll. Das Projekt ist partizipatorisch angelegt: jeder Besucher, der ins Dokumentationszentrum kommt, kann sich als Geschenk des Künstlers eine der Figuren mitnehmen, sie bei sich auf einen kleinen Sockel stellen, welche Mitarbeiter der Grafenecker Werkstätten aus Resthölzern hergestellt haben. Die Besucher sind so eingeladen posthum Patenschaften für die ermordeten Personen Grafenecks zu übernehmen, die Figuren in ihren Alltag zu integrieren und nicht allein durch Blicke, sondern auch durch die haptische Erfahrung, die Tonplastik berühren zu können, ihre Gedanken an die Opfer von Grafeneck zu binden. Jochen Meyder geht es hierbei nicht um ein Verharren im Grauen. Vielmehr kann durch die sinnliche Erfahrung, durch den Austausch, sei es im inneren Gespräch oder im Miteinander der Diskussion über Herkunft und Bestimmung der Figuren die Erinnerung an jene Menschen lebendig gehalten werden. Mit diesem Projekt geht der Künstler über die traditionelle Verkettung von Künstler-Werk-Betrachter hinaus.

Denn, mitgestaltende dieses Projektes sind ebenso die psychisch kranken und behinderten Menschen der Grafenecker Werkstätten, sind die Besucher des Dokumentationszentrums sowie diejenigen, die schließlich die Figuren mit nach Hause, in ihr Leben nehmen und ihnen dort, fernab der Kontrolle durch Institution und Künstler eine eigene Bestimmung geben. Das Projekt lebt vom Miteinander, von der emotionalen und sinnlichen Begegnung mit dem Werk, welches seinen eigenen Fortgang findet, denn Kunst kann intellektuell anregen, betroffen machen und den Beteiligten dazu verhelfen, eigene Fragen zu stellen, persönliche, weiterführende und neue Gedanken zu entwickeln.

Nicht eine weitere, zweifelsohne notwendige, wissenschaftliche Beschäftigung mit der Thematik soll hier stattfinden, die etwa durch noch detaillierteres Faktenwissen die Personen hinter der bedrückend großen Zahl verdeutlicht. Vielmehr kann durch die Wechselwirkungen zwischen der Geschichte Grafenecks, heutigen Heimbewohnern, Betrachtern, künftigen Besitzern der Figur, dem Künstler sowie politischen Entscheidungsträgern eine Situation geschaffen werden, die ergebnissoffen ist, die Erinnerung ebenso möglich macht wie zukunftsgerichtetes kreatives Denken hinsichtlich der Möglichkeiten von zwischenmenschlichem Miteinander im Kontext integrativer Projekte. So soll dieses Projekt auch anregen über die Zukunft dieses Ortes nachzudenken, und könnte etwa dazu dienen, mit freiwilligen Spenden den Grundstein zu legen für ein angedachtes Inklusionszentrum in Grafeneck.

Als Denkmal mit historisch gesellschaftspolitischer Bedeutung, die erschlossen und nachvollzogen werden muss, ist „Grafeneck 10654“ noch auf geraume Zeit als sichtbare Installation im Dokumentationszentrum wirksam. Kunsthistorisch steht das Projekt in der Tradition der Beuys’schen Sozialen Plastik, die das Kunstwerk allumfassend im Wirkungsbereich des sozialen Ganzen von Geistesleben, politischem Rechts- und Wirtschaftsleben ansiedelt.4 Vor allem aber ist es im Kontext aktueller kunsttheoretischer Diskurse zu verorten, die etwa den Gedanken der ›Inter-Subjektivität‹ thematisieren. Lange Zeit im Zentrum stehende Aspekte wie ästhetisches Urteil oder individuelle Reflexion treten auch bei diesem partizipatorischen Projekt zurück, ebenso wie das eigentliche Werk. Die Neuschaffung sozialer Beziehungen und kollektiver Teilhabe stehen im Vordergrund.5

Es geht um die Zeit des Sozialen.

Jutta Fischer

1Alle grammatisch männlichen Formen im Text beziehen sich gleichermaßen auf weibliche und männliche Personen

2 Diese Informationen beruhen auf einem Gespräch der Autorin mit Jochen Meyder am 11.07.2016

3Jochen Meyder im Gespräch mit Henner Grube am 18.09.2016 im Dokumentationszentrum Grafeneck

4Vgl. Riegel, Hans Peter: Beuys. Die Biografie. Berlin 2013, S.277 ff

5Vgl. Rebentisch, Juliane: Theorien der Gegenwartskunst. Eine Einführung. Hamburg 2013, S. 60 ff

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Projekt „Grafeneck 10654“

Alles begann mit einem Stempel, der in einer Grundschule in der Nähe von Gafeneck zurückblieb.
Ein Stempel mit 100 Punkten, 10 X 10 in einer Reihe, ideal um eine Vorstellung von Mengen und Zahlen zu erlangen.
Erst nach 1983 erfuhr ich, dass auf Schloss Grafeneck im Jahr 1940 die systematische Vernichtung von sogenanntem „ lebensunwertem Leben „ begann.
Von 18. Januar bis 13. Dezember 1940 wurden dort 10654 Menschen ermordet.
Der Stempel, der mir bislang zur Strukturierung von Flächen diente, bekam plötzlich eine andere Bedeutung. Mich bedrängte der Gedanke, dass, während die Kinder in der Schule einen Begriff von Zahl und Menge bekommen sollten, in unmittelbarer Nähe eine unvorstellbare Zahl von Menschen ermordet und verbrannt wurden.
Ich begann mir anhand des Stempels die Menge klar zu machen. 1 – 10 – 100 – 600 Punkte sind auf einem DIN A 4 Blatt noch übersichtlich darzustellen, 1000 übereinander gestempelt, sind schon schwieriger zu überblicken aber bei 10 000 Punkten wird es völlig unübersichtlich.
In Grafeneck sind 10654 Opfer bekannt. Ich stempelte jeweils 100 Punkten auf eine Seite, sie könnten für die Opfer stehen, die dort gleichzeitig vergast wurden. Der Papierstapel wird hoch!
Bei 20 Punkten pro Blatt, dies entspricht etwa der Zahl der Menschen, die jeweils in einem grauen Bus ankamen, ergibt sich einen deutlich höherer Stapel, doch wenn die Punkte auf dem Blatt in einer Reihe, oder gar einzeln gedruckt werden wächst der Turm enorm, die Menge wird erst richtig erfahrbar.

Punkte sind abstrakt, unpersönlich, also beschloss ich, mit einer gewissen Naivität, kleine Figuren zu modellieren. Figuren, um deutlich und plastisch zu machen, dass es sich um Menschen gehandelt hat. Durch die Lektüre von Thomas Stöckle: “Grafeneck 1940“, Karl Morlok: “Wo bringt ihr uns hin?“, und Ernst Klee: “Euthanasie im Dritten Reich“ begriff ich, dass hinter der unvorstellbaren Zahl der Opfer Einzelschicksale stehen. Alle Autoren betonen, dass es nicht um Zahlen, nicht um anonyme Menschenmengen gehen darf, sondern dass hinter jeder Zahl ein Leben steht; immer handelt es sich um das Schicksal eines bestimmten Menschen. Ich beschloss jeder Figur ein individuelles Gesicht zu geben.
Eine Menge denkt sich schnell, schneller als sie erstellt ist. Die 10654 Figuren sollen ja nicht vervielfältigt werden, sondern jede Figur soll ihre Individualität erhalten.
Um den Figuren immer etwa die gleiche Größe zu geben habe ich mir zwar eine Halbform gemacht, jede Figur wird trotzdem einzeln fertig modelliert und bekommt ihr individuelles Gesicht. Für eine Figur brauche ich so ca. eine Stunde, die Aufbereitung des Tons und das Brennen nicht eingerechnet.
Über den Faktor Zeit begreift man so allmählich die Zahl, man erhält eine Vorstellung der Menge.
Um in einem Jahr auf die Zahl 10654 zu kommen müssten täglich fast 40 Figuren entstehen.
Nachdem ich nun ein dreiviertel Jahr an den Figuren arbeite kann ich sagen, dass ich, wenn ich nicht ganz neben der Welt leben will, vielleicht 5 Figuren pro Tag schaffe, das sind 35 pro Woche.
Um die Zahl 10654 zu erreichen sind also mehr als 4 Jahre erforderlich.
Es ist mir ein Anliegen jedem der Opfer eine Figur zu widmen. Dabei geht es nicht darum möglichst viele Figuren in kurzer Zeit zu produzieren, ich möchte beim Modellieren ganz bei der Figur sein, möchte in Gedanken dem Geschehen nachsinnen, und in weitem Kreis die Begriffe „Lebenswert“ „Lebensunwert“ weiterdenken.
Sind alle 10654 Figuren entstanden, und in der Gedenkstätte Grafeneck vereinigt, lässt sich die Masse der Opfer erfassen. Ich wünsche mir, dass dann Besucher der Gedenkstätte jeweils eine Figur aus der Menge mitnehmen, dadurch ein Opfer posthum würdigen und an ein Menschenschicksal denken.

 

Ausstellung 18.Januar 2015 "Pupille" Reutlingen

Ausstellung 18.Januar 2015 „Pupille“ Reutlingen

 

 

Inzwischen ist die Ausstellung in anderer Form im Dokumentationszentrum Grafeneck zu sehen

Beim Arbeiten an den Figuren kreisen die Gedanken um das Geschehene

Gedankensplitter

Was bedeutet „lebenswert“, was „lebensunwert“?
Wer maßt sich an, darüber zu entscheiden?

Gesichter entstehen manchmal spontan, man hat das Gefühl, sie wollen sich zeigen. Bei anderen Figuren kämpft man oft über eine Stunde, bis man ein Ergebnis findet, das man verantworten kann.

Wohin führen Ausgrenzung,Missachtung, Stigmatisierung?

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Semi della maremma

Arcidosso

AUSSTELLUNG ARCIDOSSO

DAS WANDERN DER WÄLDER

Jochen Meyders „Semi della Maremma“ in Arcidosso

Bäume, beispielsweise – sie leben in Gemeinschaft. Selbst dann noch, wenn sie, alt geworden, in Teile zerfallen, in Strunk, Rinden, Äste: In Gemeinschaft mit Insekten, die kleine Löcher in das Holz bohren, mit Vögeln, mit Schlangen, Stachelschweinen, Moosen, Flechten und Pilzen. Alles Leben hinterlässt Spuren. Die Erzählung des Holzes.

Jochen Meyder trägt die Stille in sich, den Geschichten der Bäume zu lauschen. Er lauscht – und spinnt die Erzählung weiter. So wandelt sich ein grau gemasertes Stück Holz in eines Vogels Flügel, fast eine Dürersche Schwinge. Unter dem Fittich geborgen wohnen eine kleine weiße Tonfigur, ein kreisrundes Glas (ein Monokel?), eine Dose und eine alte Gabel. Der Ort, an dem sich diese neue, rätselhafte Erzählung zuträgt, ist ein Rechteck, etwa zwanzig mal dreiundzwanzig Zentimeter groß, aus weißgestrichenem Material, das vielleicht selbst Holz sein könnte.

Über 150 solcher Welten auf weißem Rechtecksgrund (er)fand der Bildhauer auf seinen langen Wanderungen durch die Wälder und entlang der Strände bei Monticello Amiata. „Semi della Maremma“ nennt er seine Ausstellung. „Samen der Maremma“, ist man geneigt, zu übersetzen, Samen, aus denen neues Leben entsteht. Und in der Tat finden sich Kastanien unter den Gästen der Rechteckswelten ebenso wie Haselnüsse, in die Mäuse oder andere Bewohner Löcher bohrten. Doch die Spur führt weiter. Da lagern Kastanienschalen neben dem zarten Lehmkörper einer Frau, der ihnen in Form und Haltung verblüffend gleicht. Trockene Blätter, die größten Verwandlungskünstler, ringeln sich zu eleganten Schirmen, flattern als wilde Fahnen im Wind, umschmeicheln als feiner Schal die Körper. Frauen und Männer, zerbrechlich und nackt wie zu paradiesischen Zeiten und aus Lehm geschaffen. Auch dieser ein Same der Maremma, oder doch fast, aus Impruneta, dem Ort des Lehms bei Florenz.

„Semi“ aber weisen nicht nur in die Zukunft. Auch „Vorfahren“ heißt das viel-erzählende Wort. Vorfahren, die ihre Spuren hinterließen, finden ebenso Aufnahme in den Rechtecks-Welten: Versteinerungen von Fischen oder Schnecken wie gedrechselte Schrauben, hölzerne Leisten mit handgemalten Ziffern – „2210“ steht auf einem Holzklotz, der so aus der Vergangenheit in die Zukunft ragt.

Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft verschlingen sich ineinander, gehen ineinander über wie die Formen. Nichts ist nur, was es ist, alles weist in einer großen Metamorphose über sich hinaus auf eine verborgene Verwandtschaft. „Semi“ eben.

„All-Eines und All-Vieles sind gleichen Ursprungs / Ungleich in der Erscheinung. Ihr Gleiches ist das Wunder / Das Wunder der Wunder / Alles Wunder-Vollen Tor“ kommentierte Lao Tse in den ersten Zeilen des Tao Te King ähnlichen Sinns.

Von Vergänglichkeit ebenso wie von Zeugung und Fruchtbarkeit erzählen Jochen Meyders „Semi“. Auch von Tod, von Krankheit. Leere Pillen-Packungen finden sich dort – und manche der zarten Figuren scheinen aufgebahrt zu ewiger Ruhe. Aufgebahrt, bis neues Leben aus ihren Resten hervorgeht.

„Semi“ aber, nimmt man das Wort nicht als Plural von „seme“, erzählt noch mehr: „halb“ heißt es auch, und verweist auf eine andere abwesende Hälfte. So der Tod auf das Leben, die Kastanie auf den Baum, von dem sie stammt und den anderen, der aus ihr keimen wird – und Jochen Meyders Tagebuch der Halbwelten auf Annegret, die andere stille Bewohnerin der Locandina, und ihrer beider fernes, unsichtbar durchschimmerndes Leben in Deutschland. Weshalb das Jahr der „Semi“ vielleicht nur 156 Tage enthält… wer weiß?

Dr. Cornelia Niedermeier

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Beim Sammeln ergeben sich ungewohnte Begegnungen, die Geschichten erzählen, und zu Gestaltung von Figuren anregen.

 

 

 

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